Rachel Ruysch: die Grande Dame der Blumenstillleben

Die Alte Meisterin malte ewige Schönheit

Wir nehmen dich ein wenig mit zurück in die Vergangenheit. In die Jahre 1664 bis 1750. Die Zeit von Rachel Ruysch. Rachel war eine niederländische Malerin, die sich auf das Malen von Blumenstillleben spezialisiert hatte. Sie genoss internationale Berühmtheit und war die bekannteste Frau unter den Malern des Goldenen Zeitalters. Ws lohnt sich, tiefer in die Geschichte dieser Grande Dame einzutauchen.

Im Online Magazin The Green Gallery findest du drei zeitgenössische Interpretationen eines der Kunstwerke von Rachel Ruysch, gestaltet durch drei Künstler anno 2015. Hier erzählen wir dir mit Hilfe des Digitalen Frauenlexikons der Niederlande etwas mehr über ihre Lebensgeschichte und wo du ihre Arbeiten bewundern kannst.

Copyright: Rachel Ruys

Kunstsinnige Umgebung

Rachel Ruysch wurde in Den Haag geboren, doch noch im Kindesalter zog sie mit ihrer Familie nach Amsterdam. Ihr Vater war berufen worden, die dortigen Wundärzte in Anatomie zu unterrichten. Mit der Zeit wurde er zu einem berühmten Anatomieprofessor, vor allem aufgrund der von ihm entwickelten Präpariermethode zur Leichenkonservierung, durch die die Leichen für die Anatomie noch ein akzeptables Aussehen behalten konnten. Er konnte Kinderleichen so einbalsamieren, dass man geschworen hätte, dass sich nur schliefen. Er sammelte seine Präparate und stellte sie neben verschiedenen anderen „Raritäten” aus, darunter allerlei seltene Insekten und Pflanzen. Seine Sammlung wurde zu einer touristischen Attraktion in Amsterdam. Besucher konnten dabei Kompositionen bewundern, bei denen Skelette von Föten, platziert auf einem Hügel aus Nieren- und Blasensteinen, inmitten von zu kleinen Bäumen stilisierten Blutgefäßen, eine allegorische Szene bildeten.

Rachel war das älteste Kind in der Familie von Frederik Ruysch und Maria Post. Schon als junges Mädchen zeigte sich ihre besondere Veranlagung für das Zeichnen und Malen. Zweifellos hatte sie ihr Talent von der Familie ihrer Mutter geerbt, zu der verschiedene Künstler zählten. Ihr Großvater, der Architekt Pieter Post, war der Berühmteste unter ihnen. Sein Bruder war der Maler Frans Post, der sich vor allem dadurch einen Namen machte, dass er einige Jahre mit Graf Moritz von Nassau in Brasilien verbrachte und die dortigen Landschaften abbildete. Die Onkel von Rachel, Jan und Maurits Post, zeichneten und malten ebenfalls. Aber auch ihr Vater war ein recht guter Zeichner. Um seine wissenschaftliche Veröffentlichungen zu illustrieren, fertigte er selbst Zeichnungen seiner Präparate an und widmete sich darüber hinaus der Malerei. Er malte, was er sammelte: Insekten und Reptilien inmitten von Pflanzen und Bäumen. Ähnliche Gemälde wurden in Amsterdam von Otto Marseus van Schrieck präsentiert, einem Maler aus Nijmegen, der in Frankreich und in der Toskana an fürstlichen Höfen gearbeitet hatte. Er malte Schlangen, Schnecken, Kröten und Insekten in dunklen Ecken zwischen Pflanzen und Sträuchern. „Sottobosco” nannte man dieses Genre in Italien. In den Niederlanden sprach man von „Bosgrondjes”.

Blumen und Waldstillleben

Rachel Ruysch malte als Vierzehnjährige ebenfalls Tiere und Pflanzen und zwar mit so viel Begeisterung, Eifer und Können, dass ihre Eltern ihr das Einverständnis gaben, sich zur Malerin ausbilden zu lassen. Das war nicht einzigartig, aber recht ungewöhnlich für ein Mädchen ihrer Zeit. Da Otto Marseus inzwischen verstorben war, wurde Rachel Schülerin von Willem van Aelst, der damals in Amsterdam als der beste Stilllebenmaler galt. Van Aelst war ein Bekannter von Otto Marseus (in seiner Jugend hatte er gemeinsam mit Marseus am Hof der Medici in Florenz gearbeitet) und er gehörte zu denselben gesellschaftlichen Kreisen in denen auch Rachels Eltern verkehrten.

Unter Anleitung von Van Aelst verlegte sich Rachel Ruysch anfänglich ebenfalls auf das Malen von Waldstillleben, so wie Marseus sie gestaltet hatte. Genau wie ihr Vater arbeitet sie mit großer Präzision und Subtilität. Wenn sie die Basis einer Komposition fertiggestellt hatte und die Farbe getrocknet war, malte sie mit sehr feinem Pinsel Insekten, grüne Triebe und kleine Blüten darauf. Sie versuchte ihre Objekte so naturgetreu wie möglich darzustellen. Für die Waldstillleben benutzte sie kleine Schwämme, die sie in Farbe tauchte, um die Struktur des Mooses darzustellen. Manchmal verwendete sie (genau wie Marseus und Van Aelst) auch echtes Moos, um damit Abdrücke zu machen. Auf ihren Malereien brachte sie Pflanzen und Tiere zueinander, die man in der Natur nicht zusammen antreffen konnte. Sie malte nicht nach lebenden Modellen, sondern nach Objekten aus der Sammlung ihres Vaters.

Neben den Waldstillleben widmete sie sich Blumenkompositionen, so wie sie von van Aelst und Jan Davidsz de Heem gemalt wurden. Auch bei ihren Blumenarbeiten malte sie fiktive Kompositionen. So verwendete sie Exemplare aus dem Hortus botanicus, wo ihr Vater Botanik unterrichtete und präparierte Blumenobjekten aus der Sammlung ihres Vaters. Normalerweise wurden Blumen, die man aufbewahren wollte, zwischen Papier getrocknet, aber Frederik Ruysch konnte Blumen so präparieren, dass sie so aussahen als würden sie noch in voller Blüte stehen. Eine solche Form der Konservierung ermöglichte es Rachel Ruysch in einer Bildkomposition Blumen zusammenzubringen, die eigentlich zu verschiedenen Jahreszeiten blühten. Es versetzte sie in die Lage diese so naturgetreu wiederzugeben, dass der Erfolg ihrer Bilder nicht lange auf sich warten ließ. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörten Blumenmalereien immer mehr zum „guten Ton”, und Rachel Ruysch profitierte davon.

Hofmalerin

Im Sommer 1695 besuchte Johann Wilhelm, der Kurfürst von der Pfalz, das Museum von Frederik Ruysch. Er sah bei dieser Gelegenheit zweifellos auch die Gemälde von Rachel, die inzwischen mit dem Maler Jurriaan Pool verheiratet war. Sie hatte gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht, aber die Mutterschaft hinderte sie nicht daran, ihre Karriere als Malerin fortzusetzen. Ihre jüngere Schwester Anna, ebenfalls eine begabte Malerin, hatte nach ihrer Heirat mit dem Malen aufgehört. Doch Rachel war inzwischen ausgesprochen erfolgreich. Sie erhielt große Summen für ihre Blumenstillleben und im Jahr 1699 wurde ihr als Anerkennung die Mitgliedschaft in der Malergilde Pictura in Den Haag angeboten. Sie war die erste Frau der diese Ehre zuteilwurde.

Ruysch malte im Auftrag kapitalkräftiger Kunden, was es ihr ermöglichte, nur eine begrenzte Anzahl von Arbeiten im Jahr fertigzustellen, an denen sie einige Monate arbeiten konnte. Die Bilder mussten bei ihr schon früh vorbestellt werden. 1708 erhielt sie sogar einen Vertrag als Hofmalerin beim Kurfürst von der Pfalz. Da sie inzwischen Mutter einer großen Zahl von Kindern geworden war, war sie der Auffassung, dass sie es sich nicht erlauben konnte in Düsseldorf zu wohnen. Sie wurde daher von der Residenzpflicht befreit. Das war kein ungewöhnliches Arrangement: auch Adriaan van der Werf und Jan Weenix waren als Hofmaler berufen, ohne dass sie sich in Düsseldorf niederlassen mussten. Rachel Ruysch erhielt ein Jahresentgelt und musste dafür ein Bild pro Jahr für die Sammlung des kurfürstlichen Paares abliefern.

Einige Male reiste sie nach Düsseldorf, um ihre Arbeiten dorthin zu bringen, doch sie blieb in der Wolvenstraat in Amsterdam wohnen, gemeinsam mit der Schar ihrer Kinder. Obwohl sie fast dreißig war als die heiratete, brachte sie noch zehn Kinder zur Welt. Das letzte Kind, ein Junge, wurde geboren als sie 47 Jahre alt war. Sie beschloss, ihn nach ihrem Gönner Jan Willem zu nennen. Und der Kurfürst und seine Frau erklärten sich bereit, die Patenschaft zu übernehmen. Als Rachel Ruysch das Kind in Düsseldorf vorstellte, erhielt es von Johann Willem als Geschenk einen kostbaren Pfennig an einem roten Band. Sie selbst erhielt vom Kurfürsten einen Toilettentisch mit 28 silbernen Teilen, in einem eleganten Toilettenkoffer und darüber hinaus noch sechs silberne Hängeleuchter.

Im Frühjahr des Jahres 1711 erhielt Ruysch Besuch von dem deutschen Gelehrten, Zacharias Conrad von Uffenbach, der sie als eine Frau um die vierzig beschrieb, nicht besonders schön, aber sehr gebildet. Er fand zu diesem Zeitpunkt zwei gerade fertiggestellte Bilder in ihrem Haus vor, ein Stillleben mit Blumen und eines mit Obst. Sie waren bestimmt für Pieter de la Court van der Voort, einem Tuchhändler in Leiden, der dafür 500 Gulden bezahlte – ein Vielfaches eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Von Uffenbach gefielen die Bilder und er fand sie „sonderlich zart von Pinsel”. Jurriaan Pool behauptete, dass eine Frau darin alle damaligen und früheren Meister übertraf. Rachel Ruysch arbeitete gleichzeitig an zwei kleinen viereckigen Arbeiten auf Holz für Cosimo de’ Medici, dem Großherzog der Toskana und Schwiegervater des Kurfürsten, der sie dafür zusätzlich entlohnte. Sie war gerade dabei den Untergrund für die zwei Arbeiten fertigzustellen und „sie saß da wie ein Maler”. Der deutsche Reisende stellt auch fest, dass sie „allerhand Vogelnester, Insekten und dergleichen um sich herum liegen hatte”.

Jurriaan Pool erhielt vom Kurfürsten den Auftrag ein Portrait von Rachel anzufertigen. Er machte daraus ein Familienportrait und malte Rachel und sich selbst mit Jan Willem, der den Pfennig zeigte, den er vom Kurfürsten erhalten hatte. 1716 hatte er es fertiggestellt. Das Bild war bereits für den Versand verpackt, als die Nachricht kam, dass der Kurfürst gestorben war. Ruysch verlor dadurch ihren Mäzen, aber sie braucht nicht zu verzweifeln, denn sie erhielt weiterhin viele Aufträge. Ab 1723 gab es dann überhaupt keine finanziellen Sorgen mehr. Die Staaten von Holland hatten zu dieser Zeit eine Lotterie ausgeschrieben, um Geld in die Kassen zu bekommen. Jurriaan Pool und Rachel Ruysch hatten bereits im Jahr 1713 in einer Lotterie zweihundert Gulden gewonnen. Im Dezember 1722 kauften sie gemeinsam mit ihrem Sohn George erneut ein Los von 10 Gulden, das schließlich den Hauptpreis von 75.000 Gulden gewann.

Ihr Sohn George hatte jedoch nicht viel Zeit dieses Geld zu genießen. Er starb bereits drei Jahr später im Alter von 25 Jahren. Mit ihm verloren Rachel Ruysch und Jurriaan Pool innerhalb weniger Jahre den zweiten erwachsenen Sohn. 1720 war ihr 22-jähriger Sohn Abraham als Assistent im Dienst der Westindischen Kompanie nach Guinea gereist und dort kurze Zeit später gestorben. Zuvor waren bereits drei Kinder jung gestorben und 1718 auch die 15-jährige Rachel Pool. Anfang 1731 verstarb die letzte ihrer Töchter, die 35-jährige Maria Margaretha, so dass ihr nur noch drei Söhne blieben.

Der älteste Sohn, Frederik Ruysch Pool blieb zu Hause wohnen und vereinbarte 1734 mit seinen Eltern, dass er die Bilder seiner Mutter verkaufen durfte. Frederik und auch der jüngste Sohn, Jan Willem, zeigten ein „gutes und christliches Benehmen“, doch Rachel Ruysch hatte sich mit ihrem zweiten Sohn Isaac überworfen, der ein Tuchgeschäft im Gasthuissteeg führte. Im Jahr 1743 stellte sie „nicht ohne abgrundtiefe Traurigkeit“ fest, „dass ihr Sohn Isaacq Ruysch Pool an seinem ungebührlichen und unverantwortlichen Verhalten seinen Eltern gegenüber festhielt“.

Die letzten Jahre

Im Oktober 1745 starb Jurriaan Pool, 79 Jahr alt. Rachel trug den Zwist mit ihrem Sohn Isaak noch bis kurz vor ihrem Tod aus. Erst im Jahr 1749 äußerte sie, dass „die Freundschaft zwischen ihr und all ihren Kindern nun gänzlich wiederhergestellt” war. In der Zwischenzeit malte sie immer weiter. Wie ihr Vater, der 92 Jahre alt geworden war, arbeitete sie, so lange sie konnte. Sie war bereits in ihren 80ern, als ihr ein Blumenstillleben von Jan van Huysum gezeigt wurde, auf dem die Blumen auf einem hellen Hintergrund abgebildet waren. Bis dahin war für Blumenarbeiten ein dunkler Hintergrund üblich, um Tiefe zu suggerieren, aber durch eine farbigere Gestaltung konnte Van Huysum auch mit einem helleren Hintergrund arbeiten. Rachel ließ wissen, „dass ihr diese Anordnung so gut gefiel, dass sie ebenfalls einen solchen Versuch machte”.

Der Malerbiograf Johan van Gool traf Ruysch im Jahr 1748, im Alter von 84 Jahren. Sie verfügte „für eine Frau in so hohem Alter noch über ein erstaunliches Urteilsvermögen und  Aussehen“, befand er. Sie empfing ihn sehr höflich und freundlich, erzählte ihm von ihrer Karriere und präsentierte ihm einige ihrer Arbeiten. Die meisten Werke befanden sich im Ausland, aber sie konnte ihm Bilder zeigen, mit denen sie im Jahr davor begonnen hatte und die sie noch fertigstellen wollte.

1750 wurde sie mit einer Sammlung von Liebesgedichten für die exzellente Malerin und geehrte Frau Rachel Ruysch beschenkt, in dem Gedichte zusammengestellt waren, die im Laufe der Jahre über ihre Arbeiten geschrieben worden waren. Dies war eine einzigartige Geste: Noch nie war ein niederländischer Künstler auf solche Art und Weise geehrt worden. Rachel Ruysch starb im gleichen Jahr am 12. Oktober.

Rachel Ruysch für Zuhause

Beeindruckt von (der Arbeit) dieser Dame? Dann möchtest du vielleicht ein Werk von Rachel Ruysch für dein Zuhause. Wirf eine Blick in die Bilddatenbank des Rijksmuseum, dort kannst du dir die wunderschönen Bilder downloaden.